Wer hatte Gesangsunterricht – Spatz oder Nachtigall?

Gesangsunterricht geben ist ein verantwortungsvoller Beruft eine Seit 2010, kurz nach dem Tod meines Mannes, gebe ich hier in München Gesangsunterricht und Stimmtraining. Damals kam ein junges Mädchen zu mir, die unbedingt Sängerin werden wollte, aber nicht so recht wusste, ob das stimmliche Material dafür reicht. Sie bat mich,  ihre gesanglichen Fähigkeiten zu beurteilen. Nachdem ich mir ein Bild von den stimmlichen Leistungen gemacht habe, sagte ich ihr, dass sie ein gutes Material hätte. Aber eben noch nicht mehr. Sie drückte auf die Stimme, forcierte in der Höhe recht stark und hatte absolut keinen sängerischen Atem. Zudem hatte sie einige Unarten, indem sie z. B. eine Gluck-Arie mit einem Pop-Ansatz sang und von unten den Ton anschleifte.

Es stellte sich dann heraus, dass sie schon wohl mehr als 2 Jahre Gesangsunterricht hatte. Dies ist für mich eine unfassbare und nicht verständliche Situation. Sie kam dann zu mir in den Unterricht. Ich habe etwa 1 ¼ Jahre gebraucht, die schlechten Angewohnheiten, die sich bereits im Unterbewussten manifestiert hatten, zu eliminieren. Sie bekam mit der Zeit  eine wunderschöne, kraftvolle und ausdrucksstarke  Stimme mit langem Atem und weicher Höhe.

Leider stellt sich in der Praxis immer wieder heraus, wie unverantwortlich manche Gesangslehrer mit Stimmen und auch vor allem jungen Stimmen umgehen. Einfach sie drauf lossingen zu lassen ist doch kein Ausdruck von Professionalität. Gerade heute hat mir wieder eine Schülerin gesagt, dass ihre damalige Lehrerin sie hat einfach singen lassen. Keine Arbeit an Artikulation, an Stütze oder Atem. Sie kam aus jeder Stunde und war heiser und hatte am nächsten Tag Kehlkopf- und Stimmbandbeschwerden. Dies ist leider kein Einzelfall.

Sind Gesangslehrer wie Gebrauchtwarenhändler?

Mein Mann prägte einmal den Satz „Gesangslehrer sind wie Gebrauchwagenhändler“. Du weißt nie, was du bekommst. Leider ist das heute immer noch in vielen Fällen so. Das soll nicht heißen, dass es nicht viele sehr gute Pädagogen für die Stimme gibt. Ich persönlich kenne einige wirklich gute Lehrer. Aber es gibt eben auch die, die Stimmen an den Rand des Ruins treiben. Wenn man bedenkt, wie viel Geld, Zeit und Herzblut da rein gesteckt wird, weil man besser singen möchte, dann sollte man achtsamer mit der Materie umgehen. Abgesehen davon haben wir nur diese eine Stimme. Es gibt keine neuen Stimmbänder …

Aber für viele ist es halt leicht verdientes Geld. Lassen wir mal ein paar Stunden singen, dann kommt die Kohle rein, aber tun muss man da nicht viel. Dies ist haarsträubend und zutiefst verachtenswert. Solche Beispiele sind es auch, die einen ganzen Berufsstand in einen zweifelhaften Ruf bringen. Das kommt schon nah dran an das Sprichwort: „Was ist Gesangsunterricht? Du gehst als Nachtigall hinein und kommst als Spatz raus“.

Natürlich kostet es mehr Energie und Kraft, Stimmen auf den richtigen Weg zu bringen. Damit meine ich nicht unbedingt Sängerstimmen. Jeder, der singen möchte, sollte so unterrichtet werden, dass er fähig ist, wirklich mehr aus seiner Stimme rauszuholen, dass er zu seinem eigenen Timbre findet. Er sollte vor allem auch mit dem Atem besser umgehen können. Denn daran haperts bei den meisten. Zudem hilft das auch im Alltagsleben.

Die Arbeit eines Gesangspädagogen

Bei den oben angesprochenen „Lehrer“-Typen wird nichts davon unterrichtet. Die meisten davon wissen nicht mal, was eine Stütze ist, zumindest wissen es die Schüler nicht, weil sie nicht fähig sind, es zu erklären. Es wird irgendwas Diffuses von Bauchatmung gefaselt, aber nichts erklärt.

Man sollte als Gesangspädagoge genau hinhören und erkennen, wo die Fehler gemacht werden. War es die falsche und verkrampfte Zungenstellung oder die fehlende Stützarbeit? Oder liegt es an etwas anderem. Diese Dinge zu unterscheiden bedarf es eines genauen Hinhörens, Zuwendung und Wissen. Sicher ist das vielleicht für den ein oder anderen unbequem. Aber es ist unumgänglich, wenn man verantwortungsvoll unterrichtet.

Absichtlich gehe ich hier nicht auf die emotionale Seite ein, obschon sie unbedingt ohne Zweifel dazu gehört. Sie fördert zumeist schon die richtigen Körperspannungen. Doch das allein reicht nicht aus, um eine klare, präsente und mit der Persönlichkeit identische Stimme zu erhalten. Die oben angesprochenen Lehrertypen gehen oftmals nur über die Gefühlsebene.

Das allein ist jedoch zu wenig. Ich kann auch nicht Ski fahren, nur weil ich den Schnee und die Sonne so toll finde. Es braucht immer Training und Ausbildung dazu. Die zarten Stimmlippchen sind letztendlich auch nichts anderes als Muskeln, die trainiert werden wollen. Dazu gehört nun mal die ganze Körperarbeit obendrein. Denn alles ist beim Singen beteiligt.

Je länger ein Mensch mit falschen Einstellungen spricht oder singt, desto schwieriger wird es, diese wieder im Körperbewusstsein umzustellen. Wenn er dann noch jahrelang falsch trainiert worden ist, dauert es umso länger.

Im Fall meiner Schülerin vom Anfang hat es sich gelohnt. Doch hätte sie sich Geld und Zeit sparen können, wäre sie von Anfang an bei einem verantwortungsvollen Lehrer gelandet. Doch das kann anfangs niemand beurteilen, deshalb trifft diese Menschen keine Schuld. Das Vergehen an der Stimme haben allein diese faulen und verantwortungslosen Lehrer zu tragen, die die Stimmen fast ruinieren.

Ja, mich macht das wütend, weil es ja leider kein Einzelfall ist. Ich habe selbst in meinen Anfangsjahren mit schlechten Lehrern zu tun gehabt. Allein das ist ein Grund, immer weiter auch mein Wissen zu erweitern und mein Bestes zu geben, wenn ich unterrichte.

Pokerface – doch wie’s da drin aussieht …

Einem Pokerface schaut man nicht in die KartenWas hat das denn mit Stimme-Klang-Haltung zu tun, werden sich jetzt manche fragen. Ein Pokerface ist doch sozusagen ein Neutrum in der Ausdruckspalette. Nun ja, nach außen hin mag das schon stimmen… „doch wie’s da drin aussieht, geht niemand was an“. Und da drinnen geht es mit Sicherheit oft hoch her.

Deshalb nochmal zur Bestätigung: Zur Rubrik „Stimme-Klang-Haltung“ gehört auch das Pokerface als mimisches Ausdrucksmittel. Oder vielleicht besser gesagt „Nichtausdrucks-Mittel“. Denn der, der ein Pokerface aufsetzt, will eben nicht, dass man auch nur eine klitzekleine Gefühlsregung in seinem Gesicht lesen kann.

Wie der Name schon sagt, kommt der Begriff vom Pokern. Aber er wird auch bei anderen Kartenspielen angewandt. Ich habe z. B. gern Doppelkopf gespielt und spiele es immer noch sehr gern, wenn sich die Gelegenheit bietet. Auch hier ist es von Vorteil, wenn man ein möglichst „ehrliches“ Pokerface aufsetzt. Damit wiegt man das gegnerische Paar in trügerischer Sicherheit.

Mit einem „ehrlichen“ Pokerface meine ich, dass man nicht versucht, in eine Rolle zu schlüpfen, sondern wirklich emotionslos wirkt. Seine Sinne beherrschen ist gefragt und nicht irgendwas vorspielen.

Wie hilfreich kann eine teilnahmslose Miene sein?

Ein Pokerface soll den „Gegner“ ja auf eine falsche Fährte locken. Also schaue ich möglichst unbeteiligt, und das wiederum absolut glaubwürdig. Der andere soll nicht wissen, was unter der knöchernen Substanz, die man Schädel nennt, vorgeht. Oder in dem Muskel hinter dem Brustbein. Er soll es nicht einmal erahnen. Im Grunde ist das Schauspielerei par excellence.

Dieses Pokerface ist ganz sicher in vielen Situationen hilfreich. Im Business-Bereich z.B. bei einem Meeting, bei wichtigen Verhandlungen, in denen es um wichtige Entscheidungen geht. Oder bei einem Gespräch mit dem Vorgesetzten, in dem es z. B. um eine selbstbewusste Forderung einer Gehaltserhöhung geht.

Kinder üben es permanent, wenn sie etwas angestellt haben. Ein regungsloser Blick sagt, dass man das doch gar nicht gewesen sein kann.

Tiere sind ebenso hervorragende Lehrmeister in diesem Punkt. Oder würden Sie von alleine drauf kommen, dass gerade Ihr Hund Ihren Lieblingsschuh zerbissen hat? Liegt er doch so brav in einer ganz anderen Ecke der Wohnung und schaut gelangweilt in eine völlig andere Richtung …

Ja und im privaten Bereich braucht es manchmal auch enorme Fähigkeiten, ein ausdrucksloses Gesicht aufzusetzen. Will jemand einem anderen um keinen Preis seine Gefühle zeigen, egal ob zu- oder abneigender Art, benötigt man schon eine gute Portion Willensstärke, um seine Fassade nicht bröckeln zu lassen.

Und auch sogenannte „starke“ Frauen benutzen immer wieder das Pokerface. Denn sie dürfen sich ja nach außen hin keine Schwächen erlauben, sonst werden sie vielleicht als zickig oder schwach eingestuft. Zumindest ist das die gängige Meinung, wenn Frauen mal etwas empfindlicher reagieren oder manche Dinge hinterfragen. Geheult wird nur auf der Toilette, wie es eine renommierte Ex-Managerin in einem Spiegel-Interview beschrieb.

Vielleicht sollte man dann doch Pokern lernen, denn hier kommt es wohl klar darauf an, den Charakter des Gegenübers zu studieren und anhand dessen seine Taktik zu erraten. Der Pokerprofi und Pilot „Eddy“ Scharf hat dazu ein aufschlussreiches Interview in der Karrierebibel gegeben. Das bedeutet, sich selbst ein Pokerface zuzulegen, damit der andere den eigenen Charakter nicht erkennt. Hhmm … Irgendwie klingt es stressig.

Ein Pokerface erfordert eiserne Disziplin

Heißt aber auch, wer seine Regungen beherrscht, kann wunderbar bluffen (was wir derzeit an vielen Politikern erkennen können). Er beherrscht durch Disziplin seine Gefühle, fördert sie aber bei anderen Menschen zutage.

Ja, eine teilnahmslose Miene muss man sich erarbeiten, im wahrsten Sinn des Wortes. Denn man muss an sich arbeiten. Es hilft einem durch gezieltes Training sicher auch bei Selbstzweifel, wenn man im Business eigene Ideen durchsetzen möchte. Wenn man eine besondere Vorstellung, mehr Gehalt oder als Unternehmer einen wichtigen Kunden gewinnen möchte. Geeignet auch für Spitzen-Verkäufer.

Diese Disziplin erfordert, dass ich meinen Körper absolut kontrollieren kann. Augenbewegungen, Hände, Arme, wenn man steht, wie man steht und eben auch den Atem.

Was aber die Frage aufwirft, ob vorhandene Selbstzweifel dadurch ausgelöscht werden. Nein, ganz sicher nicht, sie werden nur einbetoniert. Tief im Inneren werden sie weiterschwelen. Ausgelöscht können sie nur werden durch echte eigene Akzeptanz und Selbstliebe.

Ein Pokerface hilft also nicht, den eigenen Charakter zu verbessern, aber es hilft einem, sich in manchen Situationen einen Vorteil zu verschaffen. Man hat die Kontrolle über sich selbst und damit häufig auch über andere.

Ein so selbstkontrollierter Mensch hat ohne Zweifel viele Pluspunkte aufzuweisen:

– besserer Umgang mit Kunden, mit Mitmenschen allgemein;
– er kann sein Gegenüber besser einschätzen, weil er – auch durch Atembeherrschung – ruhig bleibt und seine Taktik beibehält;
– etwaige Aggressionen werden kontrollierbar und er behält auch bei schwierigen Situationen/Verhandlungen einen kühlen Kopf;
– er ist nicht einschätzbar und übt deshalb eine gewisse Faszination aus, wirkt zuweilen geheimnisvoll;
– er wirkt souverän und deshalb anziehend auf Menschen.

Wie alles hat auch das für mich zwei Seiten.

Die Frage stellt sich dabei: Wenn man sich allzu häufig ein Pokerface zulegt, versteinert da nicht auch jegliche Emotion mit der Zeit? Denn diese Selbstbeherrschung bedingt ja, dass man seine Gefühle runterfährt. Regungen unterlässt. Und wie jedes Training geht auch das mit der Zeit in Fleisch und Blut über.

Doch sind Emotionen und Gefühle nicht das, was „Leben“ ausmacht und vor allem auch bedeutet?

Gehörbildung ist lernbar

Immer wieder stelle ich fest, dass viele Menschen, die zu mir kommen, um Singen zu lernen, leider ein unzureichendes Gehör haben. Sie tun sich schwer mit Intervallerkennung, sogar ein Ganzton ist manchmal eine schier unüberwindliche Hürde. Häufig zeigt sich, (mehr …)

Lohnende Arbeit bei Stimmproblemen an Atemführung, Zunge und Gaumen

Gib der Stimme RaumEin langer Unterrichtstag ist zu Ende. Und es hat sich wieder einmal gezeigt, dass intensives Arbeiten an Körper und Stimme sich in jedem Fall lohnt.

Stimmprobleme durch falsche Kieferstellung

Eine meiner Gesangsschülerinnen, ich nenne sie Frau E., kam heute zur gewohnten Unterrichtsstunde und war überschwenglich vor Freude. Sie ist von Grund auf eine positive und freudestrahlende Natur, aber heute war sie besonders powervoll und fröhlich. Und es hielt sie nicht lange, als temperamentvolle Südamerikanerin sprudelte es aus ihr heraus:

Sie hielt nach einer anstrengenden Woche ihre Wochenendseminare und war weder heiser noch hatte sie die Spur von Halsschmerzen.

Zur Vorgeschichte: Sie kam vor etwa 3 Monaten zu mir mit extremen Stimmproblemen. Sie ist selbstständig, arbeitet aber auch in einer großen bekannten Firma in der oberen Etage.  Als Selbstständige hält sie zusätzlich zu ihrer vollen 5-Tage-Woche an sehr vielen Wochenenden je 8 Stunden-Seminare.

Bevor sie in den Unterricht kam, hatte sie extreme Beschwerden nach stundenlangem Reden. Sie sprach von richtigen Schmerzen im Hals- und Kehlkopfbereich und dass sie manchmal zwei Tage nach den Seminaren oder Workshops noch Heiserkeit und leichte Halsschmerzen hatte.

Nach den ersten Stunden bei mir verbesserte sich dies bereits signifikant. Denn ich arbeitete nicht nur – wie ich es immer mache – als erstes an einer guten Atemführung, sondern schaute mir auch an, was sie mit dem Kiefer machte. Hier mussten wir ran. Sie schob den Unterkiefer manchmal zu weit vor, verkrampfte dadurch auch die Zunge. Durch den Druck, der hier im hinteren Gaumen und auf den Kehlkopf entstand und zusätzlich durch die schlechte Atemführung, wenn man von solcher überhaupt reden konnte, entwickelten sich die unangenehmen Schmerzen. Die Stimmlippen litten hier besonders unter der enormen Belastung. Sie waren schlichtweg beleidigt.

Resonanzräume entdecken

Auch die Kopfresonanz war anfangs neu für Frau E. Bisher sang sie mit voller Bruststimme … Kopfresonanz und diese auch noch mit der Brustresonanz verbinden, das war für sie echtes Neuland. Desto größer die Überraschung, als sie plötzlich ihre eigene Stimme nicht wieder erkannte  … im positiven Sinn natürlich.

In der letzten Woche klagte sie noch, dass sie sehr müde sei wegen des hohen Arbeitsaufkommens in der Firma und dass sie wieder ein volles Wochenend-Seminar halten müsse. Und eine leichte Erkältung machte sich auch breit.

Ich arbeitete darauf nochmals gezielt mit Atem-, Artikulations- und Entspannungsübungen. Brachte ihr nochmals die Stütztätigkeit ins Gedächtnis und ließ sie beim Singen die Kopfresonanzen entdecken.

Großen Wert legte ich dabei darauf, dass sie das hintere Gaumensegel hochhielt und den Rachen weit machte. Immer wieder stellten wir fest, dass zudem die Zunge unbewusst nach hinten gezogen wurde und so ebenfalls auf den Kehldeckel drückte. Überhaupt muss ich sagen, dass die Zunge häufig ein Übel darstellt. Sie verkrampft sich und ein freier Ton wird damit verhindert.

Dabei sollte sie immer wieder ihre Kiefergelenke kontrollieren, damit sie den Unterkiefer nicht zu weit nach vorne schob.

Zu guter Letzt zeigte ich ihr, wie sie sich zwischen den Vorträgen und Erklärungen immer wieder schnell entspannen könne. Wie sie sich während des Sprechens vor allem auch immer wieder weiten könne und so der Stimme auch mehr Volumen verleiht. So kommt hier immer und immer wieder mein Motto zur Ausübung: Gib der Stimme Raum.

Ich arbeitete rhetorisch an der Sprechweise, z. B. zeigte ich ihr u.a., wie sie auch innerhalb der Sätze mit Pausen gezielt zur Ruhe kommen kann.

Entspannung im Reden und in Diskussionen durch gute Atemführung

Und heute nun erzählte sie mir freudestrahlend, wie sie immer wieder an die Tiefenatmung dachte, an den offenen Rachen und wie ihr das alles geholfen hat. Die Stütze in Zusammenarbeit mit dem locker offen gehaltenen Brust- und Rückenraum ist nämlich ein perfektes Team, das die Stimmlippen bei richtiger Benutzung optimal entlastet und unterstützt.

Weiter teilte sie mir voll Stolz mit, dass sie es geschafft hat, einen äußerst nervigen Seminarteilnehmer in absolut ruhigem Ton unter Kontrolle zu halten. Und dies nur durch die Atemübungen, die sie sich immer wieder ins Gedächtnis rief.

Zum Abschluss lässt sich sagen, dass Gesangsunterricht enorm zur Verbesserung der Sprechqualität beiträgt. Deshalb sollte sich niemand scheuen, wenn er Stimmbildung betreiben will, Gesangsunterricht zu nehmen. Denn beim Singen muss ich noch stärker auf alles achten, was eine Stimme wirklich ausmacht. Beim Sprechen benötige ich Atem, Stütze und Mund- und Rachenraum natürlich genauso, nur nicht ganz so intensiv wie beim Singen. Die Kontrolle über die Werkzeuge erlerne ich in jedem Fall stärker über den Gesang.

Spieglein, Spieglein an der Wand …

Liebe dein Spiegelbildnis… welche Fehler machst du mir bekannt?

Oder … lieb ich mich nicht, dann sei verbannt.

Im Schauspiel, beim Gesang, vor allem aber im Ballett benutzt man Spiegel zur Selbstkontrolle. Viele Bewegungen empfindet man selbst als durchaus richtig, bis man sieht, dass – wenn man sie im Spiegel wahrgenommen -, diese letztendlich nach außen hin ganz anders wirken.

In meinem Gesangsstudio habe ich einen übermannshohen Spiegel, der den Gesang Lernenden hilft, Kontrolle bei der richtigen Körper- und Gesichtsspannung zu leisten.

Einige nehmen dieses Kontrollinstrument sehr gerne an. Denn es zeigt, dass man oftmals eine ganz andere Wahrnehmung der eigenen Körperspannung, der Lippenspannung oder der Körperhaltung hat, als sie in Wirklichkeit ist.

Immer wieder höre ich aber auch von einigen Gesangsschülern, dass sie sich nicht so gern im Spiegel sehen. Es ist ihnen eher unangenehm. Neulich geschah eben dies wieder einmal. Der Mund einer Schülerin wollte sich trotz mehrfacher Aufforderungen einfach nicht richtig öffnen, was gerade bei höheren Tönen doch empfehlenswert ist. Ich empfahl, sich doch im Spiegel zu kontrollieren, dann würde sie sehen, dass der Mund bei weitem nicht so weit auf sei, wie sie dies vermutlich dachte.

Selbstliebe lernen im Gesang mithilfe des Spiegels als Kontrollinstrument

Sie guckte von der Seite in den Spiegel und wehrte sich dann, in denselben zu blicken. Ich fragte natürlich nach, warum sie den Spiegel nicht als Hilfe wolle. Und weiter, ob sie sich etwa nicht genug selbst liebe. Daraufhin brach diese – in ihrem Beruf sehr kompetente und auch sonst sehr sympathische – Dame fast in Tränen aus. Ich hatte genau ihren wunden Punkt getroffen. Es war eindeutig: Sie liebt sich selbst nicht genug.

Doch geht es vielen ebenso. Und ich kann mich erinnern, dass auch ich als Jugendliche lange Schwierigkeiten hatte, mich im Spiegel zu kontrollieren. War es die Angst, dass ich mir nicht gut genug vorkam? Dass man das Gefühl hat, es ist alles unvollkommen an einem?

Zeigt der Spiegel etwa auch zu viel von dem, was wir an uns nicht schätzen. Oder härter gesagt, dass wir uns nicht schätzen? Die eigene Wertschätzung kommt nämlich häufig zu kurz.

Deshalb opfern sich viele für andere geradezu auf. Denn dann kommt ihnen in jedem Fall Wertschätzung entgegen. Dies geschieht sicher häufig unbeabsichtigt, denn der Wunsch nach Anerkennung ist tief in uns vergraben. Doch nur, wenn wir uns selbst lieben, können wir auch andere wahrhaftig lieben. Und nur dann dem anderen echte Wertschätzung ohne Erwartungshaltung entgegenbringen.

Wie heißt es schon in der Bibel: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wie wahr diese Worte sind.

Der Blick in den Spiegel kann die Freude am Singen verstärken

Nur, wie können wir dem Leben und den Aufgaben, die es uns stellt, wirklich offen begegnen, wenn wir nicht einmal ehrlich zu uns selbst sind. Und welche Gründe sind es tatsächlich, sich selbst nicht im Spiegel ansehen zu wollen. Heißt, welche Gründe gibt es, sich nicht zu lieben?

Oftmals sind Menschen, die sich nicht im Spiegel anschauen wollen, perfektionssüchtig. Und weil sie erwarten, dass das, was sie im Spiegel sehen werden, nicht perfekt sein wird, wollen sie erst gar nicht hineinschauen. Seien wir doch mal ganz ehrlich: Sind Fehler nicht auch manchmal liebenswert? Und lieben wir z. B. Partner, Kinder, Freunde, Hund und Katze nicht auch gerade wegen deren Mängel? Gut, das kann auch wieder andere Gründe haben (nämlich, weil wir uns dann wieder besser fühlen), aber Fakt ist, Fehler gehören zum Leben. Ich würde sogar sagen, Fehler sind lebensnotwendig. Ohne sie wüssten wir nicht, was perfekt ist. Also, wer will schon immer perfekt sein?

Der Spiegel zeigt uns, wie wir nach außen wirken. Er hilft uns aber auch, Fehler, die uns behindern, zu eliminieren. Gerade im darstellenden Bereich hilft er, Lippenmuskel- und Körperspannungen zu verbessern und unser Körpergedächtnis zu aktivieren und zu trainieren.

Deshalb keine Angst vor dem Spiegel. Er ist kein Feind, sondern unser Verbündeter in puncto Selbstliebe.

Dies merkte auch besagte Dame, nachdem wir dies bewusst gemacht haben und ich sie auch wieder aufbauen konnte. Eine Freude war es, dass  sie am Ende der Stunde mit sichtlichem Mut und zunehmender Entspannung sang. Sie produzierte plötzlich Töne, die sie vorher nicht an sich kannte. Die Tränen waren getrocknet und sie ging mit einem strahlenden Gesicht aus der Stunde. Ich bin mir sicher: Bei der nächsten Stunde wird sie viel weniger Angst vor dem eigenen Spiegelbild haben.

Fazit: Es schadet nichts, öfter mal ganz bewusst in den Spiegel zu schauen und sich selbst zu sehen … nicht den Pickel, der stört oder das Fältchen, das sich plötzlich eingenistet hat. Sich annehmen, wie man ist und sich selbst wertschätzen. Und falsche Spannungen im Innen und Außen auflösen.

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