Gesangunterricht, der Schlüssel zum Inneren … positive Begleiterscheinungen im psychischen Bereich durch Arbeit an der Stimme

Wer singt oder Gesangunterricht nimmt, braucht keinen Psychiater mehr. Denn Gesang bricht innere Schalen auf. Dabei lässt man alles starre Gefüge mit der Zeit hinter sich. Bei dem einen dauert der Prozess länger, beim anderen ist es innerhalb einer kurzen Phase geschehen.

Alte Gewohnheiten los zu werden und sie durch neue Vorgehensweisen zu ersetzen ist oftmals ein langwieriger Prozess.

Durch den Gesangunterricht lernt man sich plötzlich wirklich kennen, von ganz innen. Sozusagen von einer ganz anderen Seite. Meine Lehrerin Erika Zimmermann sagte immer, der Schüler muss den inneren Tastsinn entwickeln. Und genau dies gebe ich auch an meine Schüler weiter.

Der innere Tastsinn, der für manche zu Beginn des Unterrichts ein Buch mit sieben Siegeln ist. Menschen, die sich nie mit ihrem Körper beschäftigt haben, fällt es besonders schwer, diesen nun zu erkunden. Was heißt das nun?

Sich mit seinem inneren Körper zu beschäftigen, heißt ganz andere Vorgänge wahrzunehmen, als es im außerkörperlichen Bereich geschieht. Hier kann ich Muskeln spüren, ich fühle, wenn ich die Haut berühre und ich kann orten, wo ich was spüre. Ich kann sehen und hören. Das Körperinnere ist weitaus diffuser.

Auch und vor allem als Lehrer ist es nicht immer leicht, gewisse Vorgänge im Körper einfach zu erklären. So dass sie der Lernende versteht. Dazu muss ich sagen, dass vieles sofort oder nach kurzer Zeit verstanden wird, aber der Körper kann es noch nicht umsetzen. Zu viele unbewusste Vorgänge laufen automatisiert, so entstehen Gewohnheiten.

Diese zu verändern, benötigt einen längeren Prozess des Umdenkens.

Das Unterbewusstsein ist ein träges Tier …

Die Zunge als Stimm(ungs)macher – mal angespannt, mal zu quirlig und meist verkrampft.

Für den Schüler ist es häufig ein gefühltes Risiko, sich seiner Stimme anzuvertrauen. Bei manchen ist es ein richtiger Kontrollzwang, alles im Griff zu haben, damit es funktioniert. Bei anderen wieder der Drang nach Perfektionismus. Auch hier ist Loslassen die Lösung, ähnlich wie in vielen Bereichen des menschlichen (Zusammen-)Lebens.

Immer wieder erlebe ich es im Unterricht, dass Menschen sich selbst blockieren. Dies ist eine Geisteshaltung, eine innere Einstellung, die oftmals nicht die Kontrolle aus der Hand, in dem Fall aus der Zunge geben will. Die Zungenwurzel wird angespannt, zieht sich nach hinten und drückt so auf den Kehlkopf. Dass jetzt kein freier Ton entströmen kann, leuchtet ja ein.

Aber die Zunge locker zu lassen, ist eine Hürde, die manche tatsächlich Jahre nicht überspringen können. Sie fürchten sich vor dem Ton, der etwa entgleisen könnte, wenn sie die Kontrolle darüber abgeben.

Die Stimmlippen machen das eigentlich wunderbar von alleine. Sie benötigen keinen Druck, weder von oben noch in übermäßiger Weise von unten. Und schon gar nicht benötigen sie Druck von der Zungenwurzel. Wenn man sie lassen würde, würden sie sich einfach die Luft nehmen, die sie brauchen, um damit wunderbare und kräftige Töne zu produzieren. So aber werden sie ständig sozusagen vergewaltigt. Von unten wird gepresst und von oben drückt die Zungenwurzel oder es finden Muskelanspannungen im Kehlkopfbereich statt.

Wenn wir die Zunge nicht in den Griff bekommen und es lernen, sie locker zu lassen, singen und sprechen wir immer wie mit angezogener Handbremse. Die Stimmlippen werden überbeansprucht und können dabei nie wirklich glasklare Klänge und Laute hervorbringen.

Natürlich ist das salopp ausgedrückt, aber im Endeffekt ist es genau die Vorgehensweise. Jeder Sprecher oder Sänger sollte für die perfekte Schwingung der Stimmlippen die optimalen Gegebenheiten rundum schaffen, und im Grunde nicht in den klangerzeugenden Bereich eingreifen, dann klingt sie offen, frei und absolut authentisch.

Durch eine angespannte Zunge funktioniert auch der Atemapparat nicht richtig und wir schöpfen das volle Potential niemals aus. So klingt die Stimme immer rauh oder neblig, wie ich gern sage. Übermäßig viel Luft, die durch die Stimmritzen gepresst wird, kann sich gar nicht in reinen Klang verwandeln.  Und das ist doch eigentlich jammerschade.

Gesangsunterricht wirkt befreiend und man lernt, sich von Zwängen loszulösen.

Im Stimmtraining lehre ich, wie man langsam die Körperabläufe spürt, um einen optimalen und klangvollen Laut zu produzieren. Die beteiligten Muskeln werden gestärkt, um Brust- und Rückenraum offen stehen lassen zu können. Dazu kommt der untere Stützmuskel, der hilft, den Ton anzuschwingen.

Beide zusammen – offener Brust- und Rückenraum und Stützmuskulatur – sind ein äußerst effektives Team und können optimal auch nur im Team arbeiten.

So schaffen Sie sich einen wirklichen Klangkörper.

Dies als Pädagoge zu erklären, ist nicht immer einfach, da es eine abstrakte Darstellung des Ablaufes darstellt. Man kann ja nicht sagen, jetzt drückst du mal auf die schwarze oder weiße Taste, wie beim Klavier. Der eigene Körper ist ja das Klanginstrument und das gilt es zu erforschen.

Doch wer es einmal geschafft hat, die Stimme wirklich wunderbar erklingen zu lassen, wird danach süchtig. Versprochen … Dieser Aha-Effekt bewirkt nämlich, dass der Trainee sich immer mehr nach diesem einzigartigen und vollen Klang sehnt.

Jeder empfindet seine eigene Stimme plötzlich ganz anders. Und hat plötzlich ein freies Körpergefühl, die Stimme klingt ohne Anstrengung, frei und voluminös. Was am Anfang zugegebenermaßen eine Hürde ist, die es zu überwinden gilt, wird mit der Zeit dann immer leichter.

Gut sitzende Töne – alles eine Frage des Geistes bzw. der geistigen Vorstellung und des Vorausdenkens.

Weil die Materie in der Darstellung nicht so einfach ist, arbeite ich im Unterricht deshalb viel mit Bildern. Hier kommt es natürlich immer auf den Typ des Lernenden an. Der eine braucht eine klare körperliche Vorstellung, der andere schafft es über Pflanzen- oder Naturbilder oder wieder andere mit baulichen Visionen.

Der Phantasie eines Lehrers sind hier keine Grenzen gesetzt. Eine meiner langjährigen Schülerinnen ist ein absoluter Zahlenmensch und übt beruflich eine verantwortliche Tätigkeit in diesem Bereich aus. Hier kam ich in einer Stunde auf die Idee, dass sie sich die einzelnen Körper-Bereiche als Zahl vorstellen sollte.

Ich kann mich noch gut erinnern, als sie in dieser Stunde Probleme mit der Atemführung hatte. Ich sagte ihr dann, stell dir vor, du bist eine Summe X und du gibst nichts davon her. Und was soll ich sagen, es hat funktioniert. Der Ton kam klar und rein. Wir haben sehr gelacht.

Die bloße geistige Einstellung bewirkt also schon die richtige Körperhaltung. Es ist wirklich nur die Vorstellung, z.B. wie der Ton klingen soll. Wo ich ihn ansiedle, ob ich mit Freude oder mit einer lahmen Einstellung singe. All dies spielt bei einer wohlklingenden Stimme eine große Rolle.

Fazit:

Im Endeffekt lernt jeder, dass richtig Singen ein Ausdruck der heiteren Lockerheit ist, aber doch gewisse Formen braucht. Jeder Mensch, der sich darauf einlässt, singen zu lernen, lässt sich auf das Selbst ein. Er erfährt dabei eine Menge über sich. Wo ist er zu eingefahren, wo kann er nicht loslassen, wo gibt es falsche Glaubenssätze, wo fehlt das Vertrauen zu sich selbst oder wo ist er zu ehrgeizig.

Dieses Wissen kann ihm einen Zugang eröffnen zur besseren Bewältigung privater und beruflicher Probleme. Deshalb ist Gesangunterricht nicht nur für Menschen gut, die schon eine schöne Stimme haben und sie verbessern möchten. Gesangunterricht ist für jeden aus jeder Berufssparte und jeden Alters wertvoll.

Es ist ein Erlebnis und ein Erfahren seiner selbst.

Gesangunterricht ist ein Schlüssel zum Ich.

So befreien Sie sich von Versagensängsten beim Singen

Angst schränkt Ihre Persönlichkeit ein und verkrampft Ihre Stimme

“Angst essen Seele auf“ … Dieser Filmtitel des verstorbenen Regisseurs Rainer Werner Fassbänder bringt es auf den Punkt. Wenn man es auf die Stimme überträgt, kann man genauso gut sagen: Angst schnürt die Kehle zu.

Denn es ist tatsächlich so. Das, wovor man Angst hat, kommt auf einen zu und schlägt unbarmherzig zu. Dabei ist es in der Regel so, dass Angst häufig unbegründet ist und man sich selber dieses „Zuschnür“-Paket schnürt.

Fünf Gründe, warum Menschen Angst haben, wenn es um Singen geht

Allein die bloße Vorstellung, was passieren könnte, wenn … jetzt der Ton platzt, wenn ich krächze, wenn ich falsch singe und und und, reicht völlig aus, um sich enorm zu verkrampfen.

Diesen Part übernimmt meist die Zunge. Sie zieht sich nach hinten und verhindert, dass der Ton frei schwingen kann. Es ist zudem häufig so, dass man bei Angstzuständen oder Unsicherheiten vergisst, dass es einen tiefen Atem und eine Stütze gibt, die doch der Stimme Halt und Volumen geben.

Aus der Praxis meines Gesangsunterrichts konnte ich feststellen, was die Menschen Angst haben lässt. Diese 5 Gründe können so große Angst erzeugen, dass der Ton deshalb meist wirklich daneben geht oder hart, unschön und verkrampft klingt:

1. Angst generell vor dem Singen, weil man als Kind oder Jugendlicher immer gehört hat, dass die Stimme nicht schön ist und man deshalb nicht (mit-)singen solle.

2. Angst vor dem ersten Ton.

3. Angst vor einem vermeintlich hohen Ton.

4. Angst, die Kontrolle abzugeben.

5. Angst, sich zu bloßzustellen.

So unterschiedlich die Charaktere, das Alter und der berufliche Hintergrund meiner Stimmschüler auch sind, so ähnlich sind sich viele Verhaltensweisen beim Gesangsunterricht.

Lassen Sie uns die 5 Punkte mal nacheinander durchgehen.

1. Angst vor dem Singen allgemein

Meine Bewunderung gilt wirklich den Menschen, die meinen Unterricht aufsuchen, weil sie als Kind immer gehört haben: Lass das Singen sein. Du kannst nicht singen. Du klingst schrecklich etc. Sie möchten es doch nochmal ganz genau wissen. Haben sie wirklich so schrecklich geklungen? Oder war das eher nur Willkür der Lehrer oder Mitschüler oder Ungeduld der Eltern und Geschwister?

Eines ist klar, es gibt begabte und unbegabte Menschen. Und man muss und kann nicht für alles gleich begabt sein. Aber wir sehen, wie tief der Wunsch, zu singen, im Menschen verwurzelt ist. Denn diejenigen, die zu mir kommen, weil sie es noch einmal mit dem Singen probieren möchten, sind alles in der Regel gestandene Frauen – Männer trauen sich leider viel weniger.

Diese Frauen sind häufig sehr erfolgreich im Beruf, in Führungspositionen oder in anderen firmenstrategisch wichtigen Stellungen tätig. Jedoch das Trauma aus der Kindheit hat sie bis heute nicht losgelassen. Dieser Mut ist bewunderungswürdig, dann den Entschluss zu fassen, in den Gesangsunterricht zu gehen.

Nun gilt es, behutsam an die Stimme heranzugehen. Das erste Wieder-Kennenlernen mit der Gesangsstimme ist oftmals nicht einfach. Die anfänglich noch störrischen Klänge sind ungewohnt und das Gehör vielfach nicht trainiert. Einige haben, wie sie mir erzählten, seit ca. 40 Jahren nicht mehr gesungen.

Welch ein Erlebnis ist es aber, wenn irgendwann nach Wochen oder sogar erst nach Monaten ein schöner und sauberer Klang dem Mund entströmt. Nicht selten fließen dabei Tränen …

Das Trauma ist jetzt dabei, aufgelöst zu werden. Das ist auch für mich ein wunderschöner Augenblick, wenn ich das Leuchten in den Augen der Damen sehe und sie glücklich aus der Stunde gehen. Sie haben die Liebe zu ihrer Stimme, ihrem Klang wiedergefunden. Dies oftmals erst nach Jahrzehnten …

2. Angst vor dem ersten Ton

Oh ja, die Angst vor dem ersten Ton. Ich kenne sie nur allzu gut auch aus meiner aktiven Zeit als Sängerin. Wer will es also Gesangsneulingen verübeln, wenn diese Angst wie eine Wand vor ihnen steht.

Die Angst vor dem ersten Ton entsteht meist aus falscher Behandlung der Vokallaute oder weil er bei schwereren Gesangsstücken recht hoch angesiedelt sein kann. Zu Letzterem kommen wir im nächsten Punkt.

Bei den Vokallauten sind die gefürchtetsten „i“ und „e“. Dabei sind sie gar nicht so schrecklich, wenn man sie nicht breit und flach singt, sondern sie sich rund denkt. Dazu verhelfen eine ovale Mundstellung und eine Zunge, die nicht den Rückwärtsgang einlegt, sondern brav im Unterkiefer liegt. Dazu sollte man auch den Rachen und die Kehle weiten. Mit einer leichten Gähnstellung schafft man das recht gut.

Hochatmung vermeiden, das Zwerchfell nach unten lassen und den Ton nicht als Feind sehen. Besser ist es, wenn man sich vorstellt, ihn zu streicheln oder ihn einfach als guten Freund begrüßen.

Diese geistigen Vorstellungen bewirken so unglaublich viel in der ganzen Einstellung der Sprache oder dem Gesang gegenüber. Sie allein sorgen schon für eine gute und positive Körperspannung.

3. Die Angst vor dem vermeintlich hohen Ton

Sie ist bei fast allen Schülern vorhanden. Die Höhe, bei der das Zittern beginnt, ist dabei sehr unterschiedlich. Bei dem einen fängt die Angst schon bei einem eingestrichenen „a“ an, bei dem anderen erst bei einem zweigestrichenen „e“.

Was passiert dabei? Ich bin kein Arzt, aber ich beobachte natürlich sehr genau. Kommt ein Schüler beim Gesang in eine Tonregion, die ihm vermeintlich hoch erscheint, zieht sich unwillkürlich die Zunge in den Rachenhintergrund zurück. Auf diese Art und Weise drückt der Zungengrund auf den Kehldeckel und lässt keinen frei fließenden Ton mehr zu.

Man möchte damit wohl der Stimme unterstützend „unter die Arme greifen“, und ihr helfen, den hohen Berg zu erklimmen. Meist schaut man auch noch angestrengt zur Decke, weil ja da oben der Ton sitzt ;). Doch das ist natürlich ein Trugschluss. Eine Faustregel sagt: Hohe Töne sucht man auf dem Boden, die tiefen an der Decke. Nun so ganz würde ich hier nicht zustimmen, denn grade auf dem Boden zu schauen während des Singens ist nicht empfehlenswert. Gemeint ist aber, bei hohen Tönen keinesfalls „himmeln“, denn unwillkürlich greift auch wieder die Zunge und Zungenwurzel ein, wenn man sie nicht dazu erzieht, locker an den unteren Schneidezähnen liegen zu bleiben.

Ich gehe immer mehr dazu über, meinen Stimmcoachees die Vorstellung nahe zu bringen, dass jeder Ton, und ich meine jeder, direkt vor den Augen ist. Sie müssen ihn hier nur „abpflücken“. Diese Vorstellung bringt erstaunlich gute Ergebnisse. Fast von allein stellt man die richtige Mundbewegung ein, der Rachen weitet sich auch fast automatisch und die Zunge regt sich nicht schon wieder auf und meint, sie müsse eingreifen. Indem man dem Gehirn vorgaukelt, dass der Ton direkt vor einem steht, liegt oder hängt, macht es keine Anstalten, eine Verkrampfung in den Singwerkzeugen auszulösen.

4. Angst, die Kontrolle abzugeben

Die Kontrollfreaks unter meinen Schülern haben es mitunter sehr schwer. Manchmal habe ich das Gefühl, sie sehen in ihrer Stimme ein Pferd, dass sie unglaublich zügeln müssen. Die Zunge ist dabei immer und immer wieder nach hinten gezogen und der Rachen nicht locker offen.

Meist habe ich es hier auch wirklich mit Frauen oder auch Männern zu tun, die sich im Berufskampf immer wieder bewähren und durchsetzen müssen. Sie sind in einer Funktion, die Kontrolle ausüben müssen und auch nicht gern etwas aus der Hand geben.

Sie sind fast immer gestresst, wenn sie in die Stunde kommen und erst durch einige wohltuende Atemübungen kommen sie dann innerlich zur Ruhe und sind mental dann auch im Unterricht angelangt. Manchmal dauert es aber auch bis zu einer halben Stunde, bis sie im Hier und Jetzt sind. Es ist tatsächlich so, dass das Singen vieles offenbart, was in der Psyche eines Menschen vorgeht.

Erst wenn sie den Mut aufbringen und sich dem Singen wirklich öffnen, kommen erstaunliche Töne zu Tage. Es ist ein wahrhaftiges Loslassen, nichts mehr festhalten wollen. Ein Akt der Selbstüberwindung. Erst wenn man über den eigenen Schatten springt, erfährt man, wie leicht plötzlich Klänge produziert werden können. Und dann höre ich immer wieder sagen, wie mühelos ein ansonsten anstrengender Ton sich eben anfühlte.

Hier gilt es zu lernen, der eigenen Stimme zu vertrauen. Ihr zuzutrauen, dass sie auch ohne größere Eingriffe oder vermeintliche Korrekturen durch Zunge, Gaumen und Kehlkopf Klänge hervorzaubern kann. Letztendlich viel besser, als wenn man sie ständig zügeln und regulieren will.

5. Angst, sich bloß zu stellen  

Ein nicht zu unterschätzender Angstfaktor ist die Furcht davor, sich zu blamieren. Menschen, die noch fremd in meinem Gesangs-Studio sind, fühlen sich erstmal etwas gehemmt. Denn jetzt müssen sie etwas von sich preisgeben. Sie wissen auf der einen Seite nicht, wie ihre Stimme unter der Anspannung klingen wird und auf der anderen Seite nicht, was ich dazu sagen werde.

Da sie in der Regel ihren Atem noch nicht so gut unter Kontrolle haben, wird fast immer die Stimme bei einigen leichten Gesangsübungen immer leiser und verhauchter.

Dabei gibt es gar keinen Grund, aufgeregt zu sein. Denn was soll passieren? Selbst wenn ein schiefer Ton herauskommt, ist das noch nicht das Todesurteil für den Gesangsunterricht. Ein Lehrer wird hören, ob sich ein gutes Stimmmaterial hinter dem verunglückten Ton verbirgt. Und selbst, wenn die Stimme insgesamt sehr dünn ist, kann man aus einem guten Unterricht eine ganze Menge für sich, seine Persönlichkeit und den Beruf herausholen. Und mit der Zeit wird auch die Stimme kräftiger.

Gesangsunterricht lohnt sich immer und es zeugt in der Regel von Lernbereitschaft, dem Wunsch nach Weiterkommen und zeigt auch häufig eine enorme Selbstüberwindung.

Ich habe größten Respekt vor diesen Menschen.

So besiegen Sie diese 5 Angstfaktoren

Nun will ich analog der o.g. Punkte kurz zusammenfassen, was nötig ist, diese 5 Angstfaktoren zu überwinden:

1. Man braucht Mut, sich der Angst zu stellen und schlimmstenfalls wieder zu hören, dass man besser den Mund halten solle. Doch wer anfängt, an der Stimme zu arbeiten, wird sein Trauma überwinden. Und nach einiger Zeit treten weitere positive Faktoren ein, die ich immer wieder beobachte:

a) Die Haltung wird insgesamt besser;
b) die Schultern fallen nicht mehr nach vorne
c) oder im andern Fall, sie sind nicht mehr hochgezogen;
d) das Gehör wird trainiert und verbessert
e) und natürlich wird der Klang der Stimme angenehmer und voluminöser.

2. Positive Vorstellungen von Vokalen, Konsonanten und  Tönen. Sie tragen letztendlich zur richtigen Körperspannung bei.

3. Es ist wichtig, geistige Vorstellungen zu trainieren. Schwierige Passagen, übertragen auch auf schwierige Situationen, auf Augenhöhe anschauen. Ihnen ins Auge schauen und sie nicht über oder unter sich sehen.

4. Kontrolle abgeben und Loslassen. Die Stimme klingt weitaus besser, wenn sie im wahrsten Sinn des Wortes nicht unter Zugzwang steht. Das heißt natürlich nicht, dass ich ohne Körperspannung singe, aber ich darf nicht verkrampfen. Sondern sie soll aus einer fröhlichen Lockerheit heraus entstehen.

5. Selbstüberwindung heißt auch, über seinen Schatten springen und damit seine Angst besiegen. Ein Gesangsunterricht sollte immer den ganzen Menschen im Blick haben. Denn nur dann wird seine Persönlichkeit wachsen.Singen bedeutet nicht, dass ich mal 2 kleine Stimmlippchen bewege. Singen benötigt den ganzen Menschen, Körper, Geist und Seele. Ich wiederhole mich hier sicher, weil ich es an anderer Stelle schon öfter gesagt oder geschrieben habe. Aber ich kann es auch nicht oft genug betonen.

Fazit:

Singen ist Freisetzung von Energie, von Gefühlen, von Musikalität und bedeutet das Abwerfen von Versagensängsten. Es ist auch ein sich Hineinfühlen in eine andere Welt, in eine andere Person bei der Interpretation von Texten z. B. Und damit ein wahres Kennenlernen seiner eigenen Person, was alles in ihr steckt. Singen lernen ist wahrhaft eine Begegnung mit einem anderen Wesen.

Ängste besiegen bedeutet, sie sich genau anschauen und nicht davor weglaufen. Nur so werden Sie über Ihr bisheriges Ich hinauswachsen und positive Überraschungen erleben. Singen ist ein Abenteuer, bei dem man nur gewinnen kann. Allerdings erfordert es auch Ausdauer, Willen und immer wieder eine Portion Mut.

Spieglein, Spieglein an der Wand …

Liebe dein Spiegelbildnis… welche Fehler machst du mir bekannt?

Oder … lieb ich mich nicht, dann sei verbannt.

Im Schauspiel, beim Gesang, vor allem aber im Ballett benutzt man Spiegel zur Selbstkontrolle. Viele Bewegungen empfindet man selbst als durchaus richtig, bis man sieht, dass – wenn man sie im Spiegel wahrgenommen -, diese letztendlich nach außen hin ganz anders wirken.

In meinem Gesangsstudio habe ich einen übermannshohen Spiegel, der den Gesang Lernenden hilft, Kontrolle bei der richtigen Körper- und Gesichtsspannung zu leisten.

Einige nehmen dieses Kontrollinstrument sehr gerne an. Denn es zeigt, dass man oftmals eine ganz andere Wahrnehmung der eigenen Körperspannung, der Lippenspannung oder der Körperhaltung hat, als sie in Wirklichkeit ist.

Immer wieder höre ich aber auch von einigen Gesangsschülern, dass sie sich nicht so gern im Spiegel sehen. Es ist ihnen eher unangenehm. Neulich geschah eben dies wieder einmal. Der Mund einer Schülerin wollte sich trotz mehrfacher Aufforderungen einfach nicht richtig öffnen, was gerade bei höheren Tönen doch empfehlenswert ist. Ich empfahl, sich doch im Spiegel zu kontrollieren, dann würde sie sehen, dass der Mund bei weitem nicht so weit auf sei, wie sie dies vermutlich dachte.

Selbstliebe lernen im Gesang mithilfe des Spiegels als Kontrollinstrument

Sie guckte von der Seite in den Spiegel und wehrte sich dann, in denselben zu blicken. Ich fragte natürlich nach, warum sie den Spiegel nicht als Hilfe wolle. Und weiter, ob sie sich etwa nicht genug selbst liebe. Daraufhin brach diese – in ihrem Beruf sehr kompetente und auch sonst sehr sympathische – Dame fast in Tränen aus. Ich hatte genau ihren wunden Punkt getroffen. Es war eindeutig: Sie liebt sich selbst nicht genug.

Doch geht es vielen ebenso. Und ich kann mich erinnern, dass auch ich als Jugendliche lange Schwierigkeiten hatte, mich im Spiegel zu kontrollieren. War es die Angst, dass ich mir nicht gut genug vorkam? Dass man das Gefühl hat, es ist alles unvollkommen an einem?

Zeigt der Spiegel etwa auch zu viel von dem, was wir an uns nicht schätzen. Oder härter gesagt, dass wir uns nicht schätzen? Die eigene Wertschätzung kommt nämlich häufig zu kurz.

Deshalb opfern sich viele für andere geradezu auf. Denn dann kommt ihnen in jedem Fall Wertschätzung entgegen. Dies geschieht sicher häufig unbeabsichtigt, denn der Wunsch nach Anerkennung ist tief in uns vergraben. Doch nur, wenn wir uns selbst lieben, können wir auch andere wahrhaftig lieben. Und nur dann dem anderen echte Wertschätzung ohne Erwartungshaltung entgegenbringen.

Wie heißt es schon in der Bibel: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wie wahr diese Worte sind.

Der Blick in den Spiegel kann die Freude am Singen verstärken

Nur, wie können wir dem Leben und den Aufgaben, die es uns stellt, wirklich offen begegnen, wenn wir nicht einmal ehrlich zu uns selbst sind. Und welche Gründe sind es tatsächlich, sich selbst nicht im Spiegel ansehen zu wollen. Heißt, welche Gründe gibt es, sich nicht zu lieben?

Oftmals sind Menschen, die sich nicht im Spiegel anschauen wollen, perfektionssüchtig. Und weil sie erwarten, dass das, was sie im Spiegel sehen werden, nicht perfekt sein wird, wollen sie erst gar nicht hineinschauen. Seien wir doch mal ganz ehrlich: Sind Fehler nicht auch manchmal liebenswert? Und lieben wir z. B. Partner, Kinder, Freunde, Hund und Katze nicht auch gerade wegen deren Mängel? Gut, das kann auch wieder andere Gründe haben (nämlich, weil wir uns dann wieder besser fühlen), aber Fakt ist, Fehler gehören zum Leben. Ich würde sogar sagen, Fehler sind lebensnotwendig. Ohne sie wüssten wir nicht, was perfekt ist. Also, wer will schon immer perfekt sein?

Der Spiegel zeigt uns, wie wir nach außen wirken. Er hilft uns aber auch, Fehler, die uns behindern, zu eliminieren. Gerade im darstellenden Bereich hilft er, Lippenmuskel- und Körperspannungen zu verbessern und unser Körpergedächtnis zu aktivieren und zu trainieren.

Deshalb keine Angst vor dem Spiegel. Er ist kein Feind, sondern unser Verbündeter in puncto Selbstliebe.

Dies merkte auch besagte Dame, nachdem wir dies bewusst gemacht haben und ich sie auch wieder aufbauen konnte. Eine Freude war es, dass  sie am Ende der Stunde mit sichtlichem Mut und zunehmender Entspannung sang. Sie produzierte plötzlich Töne, die sie vorher nicht an sich kannte. Die Tränen waren getrocknet und sie ging mit einem strahlenden Gesicht aus der Stunde. Ich bin mir sicher: Bei der nächsten Stunde wird sie viel weniger Angst vor dem eigenen Spiegelbild haben.

Fazit: Es schadet nichts, öfter mal ganz bewusst in den Spiegel zu schauen und sich selbst zu sehen … nicht den Pickel, der stört oder das Fältchen, das sich plötzlich eingenistet hat. Sich annehmen, wie man ist und sich selbst wertschätzen. Und falsche Spannungen im Innen und Außen auflösen.

So befreien Sie sich von Versagensängsten beim Singen

Angst schränkt Ihre Persönlichkeit ein und verkrampft Ihre Stimme “Angst essen Seele auf“ … Dieser Filmtitel des verstorbenen Regisseurs Rainer Werner Fassbänder bringt es auf den Punkt. Wenn man es auf die Stimme überträgt, kann man genauso gut sagen: Angst schnürt...

Spieglein, Spieglein an der Wand …

... welche Fehler machst du mir bekannt? Oder ... lieb ich mich nicht, dann sei verbannt. Im Schauspiel, beim Gesang, vor allem aber im Ballett benutzt man Spiegel zur Selbstkontrolle. Viele Bewegungen empfindet man selbst als durchaus richtig, bis man...

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